Saison-Vorschau mit Alex Hofmann: „Marquez wird Gegenwehr bekommen“

Die große Vorschau auf die MotoGP-Saison 2019: ServusTV-Experte Alex Hofmann über TV-Neuerungen, Titel-Anwärter und das Phänomen Rossi

Die deutschen MotoGP-Fans bekommen ihren Lieblingssport in der Saison 2019 von einem neuen TV-Sender präsentiert: Nach vier Jahren bei Eurosport wechselt die Motorrad-WM in diesem Jahr zu ServusTV. Alex Hofmann ist Teil des Teams und ist für den Salzburger Sender als Experte im Einsatz. Im Interview spricht der Ex-MotoGP-Pilot über die TV-Übertragungen in der neuen Saison, die Chancen der deutschen Piloten in der Moto2 und die Kräfte-Verhältnisse in der MotoGP.

Alex, in Deutschland wird die MotoGP ab 2019 bei ServusTV übertragen. Was ändert sich für den Zuschauer?
„Für die deutschen Zuschauer ändert sich einiges. In den vergangenen zehn Jahren gab es verschiedene Sender und verschiedene Sendeabläufe. Wir bieten bei ServusTV einen konstanten und zuverlässigen Service an. Wir zeigen die Qualifyings aller Klassen und die Rennen aller Klassen. Alles wird immer live, in HD und kostenlos zu empfangen sein. Mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre war das so nicht der Fall: Entweder waren Doppelpässe im Weg, die wichtiger waren aus Quoten-Sicht. Oder es gab Tage, an denen die MotoGP nicht im Free-TV lief. Es ist einzigartig in Europa, dass der wichtige Teil – also die Qualifyings und Rennen – im frei empfangbaren Fernsehen in HD laufen. Das gibt es in keinem anderen Land. Es ist ein Service, der heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist.“

Damit sollte sich das MotoGP-Interesse in Deutschland noch weiter steigern lassen, oder?
„Das ist die Idee von ServusTV. Man hat es drei Jahre lang in Österreich als eine Art Qualifying vorbereitet und gesehen, dass es gut funktioniert. Wir waren mehr als positiv überrascht mit dem Zuspruch der Zuschauer und den Quoten. Man kann das natürlich nicht 1:1 auf Deutschland übertragen, doch man muss ein sehr gutes Produkt anbieten, wenn man die große Masse begeistern will. Man muss es kostenlos anbieten und konstant und kontinuierlich übertragen, damit sich der Zuschauer darauf einstellen kann. Der Vertrag von ServusTV läuft über fünf Jahre. Man hat sich also eine gewisse Zeitspanne gegeben, um es zu beobachten. Wir wollen es durchziehen und schön machen. Ich glaube schon, dass es mit diesem Sendekonzept gelingt, jeden anzusprechen. Und nicht nur den Hardcore-MotoGP-Fan, auf den es sich in den vergangenen Jahren reduziert hatte. Der Hardcore-Fan wird sich natürlich wieder echauffieren, weil die Freien Trainings nicht übertragen werden. Aber ServusTV ist kein reiner Sportsender. Unterm Strich soll ein größeres Publikum angesprochen werden. Es soll die komplette Familie begeistert werden, nicht nur der einzelne MotoGP-Freak.“

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In der MotoGP sind 2019 keine deutschen Stammpiloten im Einsatz. Stefan Bradl und Jonas Folger sind im besten Alter, leisten bei Honda und Yamaha aber vorrangig Testarbeit. Ist es schwierig, die MotoGP ohne deutschsprachige Fahrer zu vermarkten?
„Es ist schade aus ServusTV-Sicht, dass wir keinen deutschen Fahrer haben. Stefan und Jonas kamen an einen Punkt, an dem sie entscheiden mussten, welche Möglichkeiten es noch gibt. Im Fall von Jonas war die Entscheidung gesundheitlich bestimmt. Man muss verstehen, wenn der Körper nicht mehr mitmacht. Es ist zu gefährlich und zu anspruchsvoll, wenn man nicht komplett fit ist. Dann lässt man es besser sein. Stefan rutschte zwangsweise in diese Rolle, hat aber auch Spaß an der Rolle als Testpilot plus Experte bei ServusTV. Wir haben natürlich einen großen Vorteil, den Edel-Tester von Marquez und Lorenzo zu haben, der härtesten Mischung in der MotoGP. Das ermöglicht uns sehr viele Einblicke. Vermutlich hat er noch viel mehr Einblicke, als er dem Zuschauer mitteilen darf. Doch für uns ist es gut. Wir sind sehr nah dran!“

Traust Du Bradl und Folger die Rückkehr in die MotoGP zu?
„Ich würde beiden die Rückkehr zutrauen. Das fahrerische Potenzial ist bei beiden vorhanden, um in dieser Kategorie mitzuhalten. Doch sie müssten auf der Rennstrecke ein ganz klares Statement setzen, wenn es zum Beispiel zu einem Wildcard-Einsatz kommt. Man muss klar erkennen, dass sie zu 1.000 Prozent darauf brennen, Rennen zu fahren. Die entscheidenden Personen müssen das dann sehen und fühlen. Und dann traue ich ihnen schon die Rückkehr zu. Beide sind noch nicht einmal in den 30ern angekommen. Valentino Rossi ist 40 Jahre alt. Es dreht sich alles um die Leistung auf der Rennstrecke. Mika Kallio war als KTM-Testfahrer nahe dran, wieder permanent dabei zu sein. Ich will es im Fall von Stefan und Jonas überhaupt nicht ausschließen. Ich würde es mir wünschen. Doch die Jungs müssen den Ball selbst ins Rollen bringen, indem sie auf der Rennstrecke die Performance zeigen, die sie qualifiziert, um wieder zurückzukommen.“

In der Moto2 treten in diesem Jahr gleich drei Deutsche an: Marcel Schrötter, Philipp Öttl und Lukas Tulovic. Alle haben aber jeweils sehr unterschiedliche Voraussetzungen, oder?
„Alle drei haben andere Herangehensweisen an die Saison. Man muss die jeweilige Karriere betrachten und erkennen, wo derjenige momentan steht. Es ist ein Fakt, dass Marcel Schrötter den nächsten Schritt machen muss, indem er konstant in die Top 5 fährt. Wenn das konsequent gelingt, springen Podestplätze heraus und eventuell mal ein Sieg. Man darf es nicht erwarten, doch diesen Anspruch hat er selbst. Er will konstant in den Top 5 oder Top 6 sein und regelmäßig ums Podium kämpfen. Wenn er das umsetzen kann, wird er hin und wieder um den Sieg fahren. Ob es gelingt, zeigt sich meist in der letzten Kurve in der letzten Runde. Das Potenzial ist vorhanden. Bei Philipp Öttl muss man abwarten, wie er sich an diese Klasse gewöhnt. Es ist eine neue Motivation für ihn nach vielen Jahren in der Moto3. Er ist in einem für ihn neuen Team und hat andere Strukturen in seinem Umfeld. Ich hoffe, dass er das genießt und sich steigern kann. Aber klar, es ist ein Lernjahr für ihn. Man muss extrem gut sein, wenn man in die Klasse kommt und alle über den Haufen bügelt. Dafür kommen eher Leute wie Moto3-Weltmeister Jorge Martin in Frage. Selbst diese Kaliber brauchen immer ein halbes Jahr. Heutzutage ist es eigentlich so, dass kaum noch ein Fahrer nur ein Jahr bekommt. Das Fahrerlager hat verstanden, dass man jedem Talent ein bisschen Zeit geben muss. Auf Lukas Tulovic mit Kiefer freue ich mich. Das ist eine nette Truppe. Lukas hat schon im Vorjahr gute Ansätze gezeigt. Er ist ein langer Lulatsch. Von der Größe und vom Gewicht ist er nicht optimal für den Sport, doch es gab bereits andere Fahrer, bei denen das nicht optimal war. Bei mir war das auch der Fall. Man muss ihm die Zeit geben, sich reinzuboxen. Er wird ab und zu in die Punkte fahren können. Es kommt frischer Wind aus deutscher Sicht. Viel mehr haben wir momentan leider nicht zu bieten an Nachwuchs-Talenten. Also drücken wir die Daumen, dass sich die Jungs nicht zu viel Druck machen.“

In der Moto3 gibt es 2019 keinen deutschen Teilnehmer. Wie steht es um den Nachwuchs?
„Ich bin immer hin und her gerissen, weil ich es so bitter finde, dass wir aus deutscher Sicht eine perfekte Struktur vorfinden mit KTM und Red Bull. Es geht vom Rookies-Cup bis in die MotoGP. Es ist das vorhanden, was sich jeder deutsche Rookie wünschen sollte. Doch wir haben keine Fahrer, die das umsetzen können. Das macht mich fertig. Wenn ich zurückdenke, was man zu meinen Zeiten unternehmen musste und über welche Strukturen man seinen Weg finden musste. Ich hoffe, dass nach und nach Kids nachkommen, aber gefühlt haben die Eltern in unseren deutschen Gefilden eher auf Smartphones und Gaming umgestellt, weil es ungefährlicher ist für die Kinder. Ich weiß nicht, ob wir diesen Trend aufhalten können.“

Wird in der MotoGP Marc Marquez wieder der große Favorit sein?
„Er ist der klare Favorit, keine Frage. Auch wenn man die Tests richtig analysiert hat, dann erkennt man, dass er qualitativ sehr hochwertige Runden fuhr trotz der Schmerzen in der Schulter. Er fuhr absolut auf dem Niveau, um in die Top 3 zu fahren. Er war sehr konstant. Er ist derjenige, den es zu schlagen gilt. Klar, die Ducati scheint technisch auf einem sehr hohen Niveau zu sein. Sehr viele Fahrer kommen mit dem Motorrad zurecht. Marquez wird also sehr viel Gegenwehr bekommen. Hoffen wir, dass auch die Yamahas noch ein bisschen nachlegen. Beim Test in Übersee sah es ganz gut aus, doch wir müssen den nächsten Test abwarten. Marc gilt es zu schlagen, wie alle Jahre wieder. Er verfügt fahrerisch über unglaublich viel Potenzial. Für die Konkurrenz kann es nur gut sein, wenn er in Katar geschwächt in die Saison startet. Bereits beim zweiten Rennen, dem Grand Prix in Argentinien, ist er beinahe unschlagbar.“

Die Qualität in der MotoGP konnte erneut gesteigert werden: Die ältesten Maschinen sind vom Stand November 2018. Steht uns die am härtesten umkämpfte Saison bevor?
„Das Feld hat sich noch stärker zusammengeschoben. Die technische und fahrerische Dichte haben noch einmal zugenommen. Das macht Lust auf tollen Rennsport. Die vergangenen Jahre waren bereits spektakulär, doch ich hoffe, dass es noch spannender wird. Und das ist auch gut so. Beim Test in Sepang lagen auf einer der längsten Strecken im Kalender 19 Fahrer innerhalb einer Sekunde, bevor die Zeitenjagd losging. Zu meiner Zeit lagen vielleicht die Top 6 innerhalb einer Sekunde. Die Unterschiede bei der Technik waren viel größer – bei den Reifen, bei den Motorrädern. Man hat beim Regelwerk viel richtig gemacht. Das ist gut für den Sport. Ich denke auch, dass es so weitergeht. Die MotoGP ist schon ein extremes Spektakel geworden. In den kommenden fünf Jahren dürfte es auch so weitergehen. Es ist eine tolle Zeit, auch für die Fahrer, um ihr Talent zu zeigen. Im Vorjahr gab es zum Beispiel bei den Hondas noch große Unterschiede. Die Unterschiede sind deutlich kleiner geworden. Es gibt keine Lückenfüller mehr. Das ist toll!“

Ducati setzt weiter auf Innovationen, während die Japaner konservativ vorgehen. Müssen Honda, Yamaha und Suzuki irgendwann umdenken, um den Anschluss zu halten?
„Gigi Dall’Igna war der Schlüsselfaktor für Ducati. Er ist absolut clever. Sie wussten, dass er bei Aprilia mit den Möglichkeiten nicht mehr herausholen konnte. Er schaffte es, mit geringem Budget geniale Technik auf die Beine zu stellen. Bei Ducati wurde konsequent gearbeitet. Das Konzept wurde nicht auf den Kopf gestellt. Man behielt die Stärken bei und kümmerte sich um die Schwächen. Ducati ist ein bisschen wie KTM, man spürt die europäische Mentalität. Wenn man sich für den Rennsport entscheidet, dann konsequent. Das führt natürlich zum Ziel. Gigi Dall’Igna schafft es, jedes Regelwerk bis ins kleinste Detail auszupressen mit dem Wissen, auf Widerstand zu treffen. Aber darum geht es im Rennsport. Ein Rennfahrer nutzt auf der Strecke auch jeden Zentimeter, um schneller zu fahren. Genauso macht es Gigi Dall’Igna bei der Technik. Er presst alles aus bis zum letzten Tropfen. Die Japaner sind natürlich in ihrer Denkweise anders. Sie gehen mit der Herangehensweise an die Sache, keine Regel zu brechen. Sie denken diesbezüglich anders und müssen nachziehen.“

Auch mit 40 Jahren scheint Valentino Rossi keinerlei Motivationsprobleme zu haben. Wie denkst Du über das Phänomen Rossi?
„Er lebt die MotoGP und will nicht ohne die MotoGP leben. Anders kann man es nicht sagen. Der Typ sitzt lieber auf dem Motorrad als mit der Freundin auf den Malediven im Whirlpool zu liegen. Solange er das so fühlt, wird er es auch machen. Klar kommt ein wichtiger Punkt hinzu: Er ist nach wie vor in der Lage, aufs Podium zu fahren und Siege zu feiern. Er würde es sich nicht mehr antun, wenn er erkennt, dass er nicht mehr aus eigener Kraft aufs Podium fahren kann. Dann würde er es sich drei Mal überlegen. Er hat mittlerweile auch genug eigene Talente herangezüchtet. Er hat so viel Spaß bei der Arbeit, dass er es einfach solange macht, wie er Bock hat. Das macht ihn als Typ auch aus, so konsequent seinen Weg zu gehen und nicht darüber nachzudenken. Er hat eine gesunde Einstellung. Man kann ihn dafür nur bewundern.“

Fotocredit: ©GP-Fever.de

 

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