Jürgen Lingg über Marcel Schrötter: „Er muss im Zweikampf härter werden“

Warum Marcel Schrötter trotz vieler Startplätze aus der ersten Reihe nur einmal auf dem Podest war – Erste Rennrunden müssen laut seinem Teamchef besser werden

Marcel Schrötter beendete die Moto2-Saison 2018 auf WM-Platz acht. Lobende Worte gibt es von seinem IntactGP-Teamchef Jürgen Lingg: „Marcel hat sich in diesem Jahr sehr stark verbessert. Es ist seine bisher beste Saison und er ist richtig stabil.“ Höhepunkt war der der dritte Platz in Misano. Das war Schrötters erster Podestplatz in seiner WM-Karriere. Es war aber sein einziger Besuch bei der Siegerehrung. Siebenmal eroberte der Deutsche einen Startplatz in der ersten Startreihe. Wäre an den Rennsonntagen mehr möglich gewesen?

In Mugello stürzte Schrötter gleich nach zwei Kurven in Führung liegend und in Phillip Island sprang sein Motorrad beim Vorstart nicht an, weshalb er von ganz hinten losfahren musste. In Thailand wurde Schrötter in der ersten Runde unschuldig in einen Crash verwickelt. Es war manchmal Pech dabei. Trotzdem zog sich durch die Saison ein roter Faden: In den Trainings und im Qualifying war Schrötter stark und auf Spitzenplätzen zu finden. Im Rennen konnten dann oft Fahrer wie Francesco Bagnaia zulegen und waren unter dem Strich stärker.

Fehlte bei Schrötter der letzte Schritt am Sonntag? „Das ist leicht zu erklären“, meint Lingg im Gespräch mit ‚Motorsport-Total.com‘. „Das ist ein Faktor, den wir verbessern müssen. Wenn Marcel im Training frei fahren kann, dann ist er immer sehr schnell, aber im Zweikampf muss er noch etwas härter werden. Er muss in den ersten zwei, drei Runden etwas aggressiver werden, dann wird das auch klappen.“

„Kurioserweise ging das in Phillip Island. Dort hat er in der ersten Runde elf Plätze gutgemacht“, spricht Lingg die starke Aufholjagd von ganz hinten an. Aber auch im Laufe des Rennens vermisst er manchmal die Schlagkraft von Schrötter: „Man sieht oft, dass er ein starkes Rennen fährt und dann auf jemanden aufläuft. Er braucht dann zu lange, um seinen Vordermann zu überholen. Er darf nicht so lange fackeln. Wenn er dann vorbei ist, ist er wieder schneller. Daran müssen wir arbeiten.“

In den ersten Runden und im Zweikampf spielt sich viel im Kopf ab. Der Crash in Mugello zeigte anschließend Auswirkungen: „Das hat ihn dann ein wenig eingebremst, speziell bei den nächsten Rennen. Er war in den ersten paar Runden etwas zu verhalten“, meint Lingg und nennt ein Beispiel: „In Barcelona war er vom Rhythmus her in den Trainings klar der Beste. Das war zum Beispiel ein Rennen, das ich gerne mit ihm gewonnen hätte. Dort hätten wir die Möglichkeit gehabt.“

Aber kann man sich überhaupt auf das Chaos einer ersten Rennrunde vorbereiten? „Also es immer super hinzubekommen, das glaube ich nicht“, meint Schrötter im Gespräch mit ‚Motorsport-Total.com‘. „Da gibt es kein Rezept, weil einfach auch noch 35 andere dabei sind, die immer dazwischen grätschen können. Du kannst auch keinen Plan machen. Einer stürzt oder muss sich aufrichten, und dann ist alles durcheinander. Aber man kann sicher einen Weg finden, um das zu trainieren und sich noch besser vorzubereiten, um in einem kurzen Zeitraum 100 Prozent von sich abzurufen.“

„Es geht darum, vom Punkt weg für kurze Zeit 110 Prozent zu geben. Ich werde auf jeden Fall versuchen das zu verbessern. Ich glaube, da war in diesem Jahr einfach etwas der Wurm drin. Ganz früher hatte ich das schon einmal, aber da lag es nur daran, dass ich wirklich zu zurückhaltend war. Ich habe das dann aber eigentlich sehr gut in den Griff bekommen und meine Startpositionen immer verbessert. Ich bin eigentlich nach der ersten Runde immer ein oder zwei Positionen besser zurückgekommen.“

„Natürlich sind wir dieses Jahr viel öfter aus der ersten, zweiten, dritten Startreihe gekommen als früher. Da ist es natürlich leichter, Positionen zu verlieren als gutzumachen“, so Schrötter. „Es hängt nicht damit zusammen, dass ich mich nicht traue oder nicht reinhalten will. Es passiert einfach so schnell. Du triffst eine falsche Entscheidung und plötzlich stehen zwei Leute neben dir. Dann musst du vielleicht einmal aufrichten, und dann kommen nochmal zwei Leute. Dann passt es für die nächste Kurve nicht, und dann sind schon fünf Leute vorbei. Und so schnell ist man dann von zehn auf 15 oder 16 gefallen. Das ist auf jeden Fall etwas, das ich verbessern muss.“

Als Faustregel gilt: Ist man nach der Startphase in der Spitzengruppe dabei, ist die Chance auf ein Topergebnis groß. Ist man nur Zehnter, kann man kaum noch nach vorne kommen. „Unsere Rennpace ist in 90 Prozent der Rennen gut – auch wenn wir dann nur Neunter werden oder so. Aber es waren trotzdem Rennen, in denen ich um ein Top-5-Ergebnis hätte fahren können“, spricht Schrötter das Dilemma an. „Und wenn dann ein ’schlechtes Rennen‘ mal ein fünfter Platz wäre, dann könnte man damit leben.“

Rückendeckung erhält er trotz der Kritik von seiner Mannschaft, denn Teamchef Lingg ist überzeugt, dass bei Schrötter bald der Knoten platzen wird: „Ich mache mir keinen Kopf, denn das wird kommen. Ich denke und hoffe, dass er diesen Schritt bald vollziehen wird. Das geht über ein Erfolgserlebnis. Wenn er einen Grand Prix gewinnen würde, dann wäre das Thema glaube ich erledigt, denn es spielt auch mental eine Rolle. Ich denke, man muss ihm auch die Zeit geben und ich bin mir sicher, dass er es abstellen wird.“

Fotocredit: ©LAT