Moto2-Champion Francesco Bagnaia: „Dank MotoGP-Deal frei im Kopf“

Moto2-Weltmeister Francesco Bagnaia verrät, dass er schon 2017 ein MotoGP-Angebot bekam – Über die Höhen und Tiefen des Titelkampfes – 2019 beginnt bei Null

Nach 18 Rennrunden, 99,774 Kilometern, ist sein Traum wahr geworden: Francesco Bagnaia ist neuer Moto2-Weltmeister. Er gewinnt den WM-Titel in der mittleren Klasse in Malaysia ein Rennen vor Saisonende, dazu reicht ihm ein dritter Platz. Titelrivale Miguel Oliveira wird vor ihm zwar Zweiter, das reicht jedoch nicht mehr, um seinen Punkterückstand vor dem Saisonfinale unter 25 Zählern zu halten.

Es ist Bagnaias erster internationaler Weltmeistertitel. Den Grundstein dafür legte er bereits vor dem Saisonbeginn mit der Unterschrift beim MotoGP-Team Pramac-Ducati. Als neuer Moto2-Champion wird er 2019 in die Königsklasse aufsteigen – und dort wieder „von Null“ beginnen.

„Das ist das erste Mal, dass ich um einen WM-Titel gekämpft habe. Als ich mit Pocketbikes angefangen habe, konnte ich nur den Titel der MiniGP gewinnen. Das ist bislang mein einziger Titel“, blickt Bagnaia auf seine bisherigen Erfolge zurück. „Ich habe immer gelernt, mich weiter zu steigern.“ In seinem zweiten Jahr in der Moto2 gelang ihm schließlich der Durchbruch, nachdem er 2017 Gesamtfünfter wurde. In der Moto3 fuhr er vier Jahre, zwei Siege fuhr er 2016 mit Mahindra ein. Als Gesamtvierter stieg er auf.

Nach zwei Jahren in der Moto2 folgt der nächste Karriereschritt des Italieners. Doch schon in dieser Saison hätte es dazu kommen können, verrät er. „Ich hatte im Vorjahr schon die Gelegenheit, in diesem Jahr in die MotoGP zu wechseln – aber ich dachte, es wäre besser, wenn ich zuerst die Moto2 gewinne.“ Gesagt, getan. Mit acht Saisonsiegen ist er mit Abstand der konstanteste Pilot. Das Siegen musste er aber erst erlernen.

Mit vier Podestplätzen aber noch ohne Triumph in der Tasche unterzeichnete er einen Vertrag mit Pramac-Ducati für 2019. „Ich habe dieses Jahr in der MotoGP unterschrieben, bevor ich noch mein erstes Moto2-Rennen gewinnen konnte. Viele Leute haben mich gefragt, warum ich gleich nächstes Jahr in die MotoGP wechsle, wenn ich noch nie gewinnen konnte. Viele Journalisten haben das gesagt. Mir war das aber klar, dass ich schon in diesem Jahr unterschreibe, weil ich besser war“, erklärt er selbstbewusst.

Das Pramac-Team, wo er Danilo Petrucci beerben wird, hat ihm ein verlockendes Angebot gemacht, das er nicht ausschlagen konnte. „Ich dachte, wenn ich frühzeitig unterschreibe, ist mein Kopf frei für die Saison. Ich musste mir den Kopf nicht darüber zerbrechen, was ich nächstes Jahr machen werde. Das war ein Schlüssel zum Erfolg“, glaubt Bagnaia. Als am 21. Februar die Verpflichtung bekannt wird, ahnt er noch nicht, dass er nur 25 Tage später seinen ersten Moto2-Sieg einfahren wird.

„Als ich gestartet bin, hatte ich den MotoGP-Deal in der Tasche und konnte mich voll auf den Moto2-Titel fokussieren. Das war meine Stärke. Ich habe nur noch daran gedacht, in der Moto2 zu gewinnen. Und als ich es in Katar geschafft habe, wusste ich, dass ich es kann.“ In der Wintervorbereitung hat er den Grundstein gelegt. „Im ersten Test wollte ich gleich pushen. Der Sieg in Katar war unglaublich, aber ich denke, die Meisterschaft gehörte nach dem Sieg in Österreich mir.“

Denn in Spielberg drehte sich die Meisterschaft: In Tschechien konnte Oliveira das Rennen für sich entscheiden und die WM-Spitze um zwei Punkte (166:164) übernehmen. Eine Woche später in Österreich kämpfte sich Bagnaia mit einem Sieg zurück (189:186). „Ich habe die Führung wieder übernommen und habe bis Japan gepusht, damit ich in Malaysia mit einem großen Vorsprung ankomme. Leider war es mir in Phillip Island nicht möglich, ein gutes Rennen zu fahren. Dennoch bin ich jetzt sehr glücklich.“

Schon nach den ersten beiden Saisonsiegen in Katar und den USA dämmerte es Bagnaia: „Nach dem Sieg in Katar wusste ich, dass wir in diesem Jahr stark sein würden. Nach dem Sieg in Austin hatte ich noch mehr Gewissheit.“ Allerdings unterschätzte er seinen Gegner niemals. KTM-Pilot Oliveira konnte die drei letzten Saisonrennen 2017 für sich entscheiden und kam mit dementsprechend viel Selbstvertrauen in das neue Jahr.

„Oliveira war sehr stark und konstant in diesem Jahr. Er ist ein Fahrer, den ich sehr respektiere, da er die gesamte Saison lang gepusht hat.“ Allerdings haderte der Portugiese vor allem in den Qualifyings. Er musste bis Italien auf seinen ersten Saisonsieg warten und konnte ansonsten nur in Tschechien triumphieren. „Ich habe versucht, nach Brünn keine Punkte mehr zu verlieren. Danach gelang mir eine gute Serie, und wir haben begonnen, umzudenken. Das war der Schlüssel.“

Nach dem Rennen in Österreich hat das Team die Herangehensweise geändert: „Mehr noch als eine Verbesserung des Bikes war es unsere mentale Einstellung. Zunächst wollten wir immer mehr aus dem Bike herausholen, das war aber nicht die richtige Entscheidung. Danach haben wir versucht, das Beste aus unserem bestehenden Paket zu holen.“ Damit sicherte er sich insgesamt acht Siege, elf Podestplätze und drei schnellste Rennrunden. Er lag 124 Runden in Führung – mehr als doppelt so viel wie jeder andere Pilot.

Eine Vorentscheidung brachte schon der bislang letzte Sieg in Motegi: „Der letzte Sieg in Japan war der wichtigste im gesamten Jahr. Der Sieg in Katar war sehr schön, weil es der allererste war. Aber auch Österreich, weil ich dort die WM-Führung wieder übernehmen konnte“, resümiert Bagnaia. Ausreißer gab es nur in Argentinien (P9), Deutschland (P12) und Australien (P12). Dennoch lag er in den vergangenen 29 Rennen ohne Unterbrechung in den Punkten. Nur zweimal bislang in seiner Moto2-Karriere lag er nicht in den Top 15: in Austin und Mugello 2017. Er beendete bislang jedes Moto2-Rennen, in dem er antrat.

Mit 36 Punkten Vorsprung kam Bagnaia zum vorletzten Saisonrennen in Malaysia. Dem Italiener sollte ein Podestplatz zum WM-Titel reichen, egal wo Oliveira landet. „Mein Ziel war es, auf das Podium zu fahren. Das war nach dem Qualifying keine einfache Aufgabe, da ich mit dem Grip am Hinterrad Schwierigkeiten hatte“, gibt er zu. Von Startplatz sechs setzte er sich aber bereits in der ersten Runde auf Position drei. Im direkten Duell mit Oliveira zog er den Kürzeren.

„Ich habe in den ersten acht bis zehn Runden stark gepusht. Dann sah ich, dass hinter Miguel Pasini fährt. Da wir sehr gute Freunde sind, dachte ich mir, dass er mich nicht angreifen würde. Aber ich wollte weiterhin pushen, um meine Konzentration nicht zu verlieren.“ Schließlich fährt er mit drei Sekunden Rückstand auf Teamkollegen Luca Marini über die Ziellinie. Pasini gibt ihm auf Rang vier Geleitschutz. Bagnaia wird Dritter und hält seine WM-Führung bei 32 Punkten. Die kann Oliveira im Saisonfinale nicht mehr einholen.

Bagnaia feiert den Titel mit Mentor Valentino Rossi und wird als zweiter Italiener in Folge Moto2-Champion – der zweite Moto2-Weltmeister aus der VR46-Schmiede des „Doktors“. Rossi muss nach seinem eigenen Ausfall im MotoGP-Rennen dann auch zugeben, dass er emotional sehr gerührt war. „Ich muss mich jetzt erst einmal drei Stunden hinlegen, um mich davon zu erholen. Ich habe auch ein paar Tränen verdrückt. Das war ein unglaubliches Gefühl, das ist ein unvergesslicher Tag für uns. Es ist die erste WM-Krone für unser Team und die erste für ‚Pecco‘.“

Im kommenden Jahr werden sich die Wege des 39-jährigen Altmeisters und des 21-jährigen Aufsteigers in der MotoGP kreuzen. „Ich werde gegen die besten Fahrer der Welt und gegen Valentino antreten, das ist großartig“, freut sich Bagnaia auf diese Herausforderung. „Der Aufstieg in die MotoGP bedeutet, wieder bei Null zu beginnen“, ist er realistisch. „Das ist etwas total anderes. Man muss wieder mehr auf dem Bike arbeiten. Aber Ducati hat mir alles zugesichert, was ich verlangt habe. Sie haben sich sehr dafür eingesetzt, mich zu bekommen.“ Das sei ihm sehr wichtig gewesen.

Und er gesteht auch: „Ich wollte immer schon auf einer Ducati sitzen. Für mich ist es das schönste Bike, außerdem ist es in diesem Jahr eines der stärksten“, blickt er mit Genugtuung auf die Leistungen von Andrea Dovizioso und Jorge Lorenzo. „Wie schon im Vorjahr in meinem ersten Jahr in der Moto2 muss ich wieder vieles lernen und mein Bestes geben.“

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